EDITORIAL

Vervollständigt, verwandelt, vererbt

Während die gesellschaftliche und politische Bedeutung 100 Jahre oder älterer Baukultur längst geschätzt wird, tun wir uns heute immer noch schwer, den Wert der Architektur der Spätmoderne zu erkennen. Das erlaubt aber im Umgang mit Gebäuden der jüngeren Vergangenheit mehr Eingriffe. Durch die Renovierung von drei Bauten aus drei verschiedenen Ländern, Typologien und Stilarten beleuchten wir in dieser Brick-Design-Ausgabe unterschiedliche Ansätze zum Umgang mit dem Bestand sowie die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Ziegel bei der Sanierung und Erhaltung des Baukulturerbes des 20. Jahrhunderts. Vom klassischen Bauen mit dem Bestand über die totale Transformation bis hin zur originalgetreuen Restaurierung: Das Rathaus Reinheim in Hessen wurde modernisiert, ohne dabei die visuellen Qualitäten des Originalbaus von 1974 zu kompromittieren. Im Gespräch mit dem Architekten des Rathauses, Gernot Schulz, sowie der Architektin Carolin Ebbing und dem Architekten Georg Ebbing erörtern wir, inwieweit Architektur und Sanierung sich der Geschichte widmen oder der Vielfalt und Komplexität der Gegenwart aussetzen sollen. Ganz anders die zwei Wohnblöcke von 1970 in Kopenhagen, die von ONV Arkitekter komplett umgewandelt wurden. Der Architekt Søren Rasmussen erläutert im Interview, warum hier eine Neuinterpretation erforderlich war. Die Fassade des Bahnhofs Glogau in Polen von 1935 dagegen wurde durch ARCHWIG dem Original entsprechend rekonstruiert und bildet jetzt wieder ein Gesicht zur Stadt und eine Würde ausstrahlende Adresse für das Ankommen und Abreisen. Aber, fragt sich die Autorin Aleksandra Czupkiewicz, müssen wir der Vergangenheit immer genau so folgen? Die gelungenen Projekte zeigen, dass Ergänzung und Weiterbau oft sinnstiftend sind. Dabei wird deutlich, wie flexibel und vielförmig Ziegel eingesetzt werden und zur Aufwertung beitragen können. Die Gebäude werden durch helle, großflächig verwendete oder changierende Steine nahbarer, niederschwelliger und freundlicher in der Umgebung positioniert. So trägt das im wahrsten Sinne begreifbare und verständliche Material zu einer Stadt in Wandlung bei.

Boris Schade-Bünsow, Marie Bruun Yde

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